Dreilinden Gymnasium

Geschichte der Informatik

Nach einigen "Spielereien" mit einem in einer Arbeitsgemeinschaft aus Postbeständen erbauten Relaisrechner in den Jahren 1966-1968 - der letzte war immerhin in der Lage, mit einer Taktfrequenz von 1 Hz das Einmaleins mit der 2 aufzusagen! - erfuhr ich, dass im Hahn-Meitner-Institut (HMI) demnächst eine der dort installierten elektronischen Rechenanlagen (Siemens S2002) abgebaut werden sollte.

Ich fand schnell einige interessierte Schüler, mit denen wir die noch im HMI stehende Anlage soweit beherrschen lernten, dass wir ein Wahl-Hochrechnungsprogramm entwickeln und installieren konnten, das bei den in Kürze stattfindenden Wahlen zur BVV eingesetzt werden sollte.

Damit hofften wir, die später zu betreibenden Aktivitäten zur Übernahme der Anlage an unsere Schule beim Bezirksamt vorbereiten zu können.

Am Wahltag standen dann in ausgewählten Wahllokalen Schüler der 13. Klasse (damals war noch die schöne alte Zeit der geschlossenen Klassen bis zum Abitur!) bereit, um das frisch ausgezählte Wahlergebnis durchzusagen - noch ohne Handy! Im HMI wurden diese Ergebnisse dann in Lochstreifen gestanzt - das war die einzige Eingabemöglichkeit, die der Rechner verstand.

 

Wir lagen dann mit unserem Ergebnis bei einer Abweichung von knapp 1 %, womit alle Beteiligten sehr zufrieden waren.

Es gelang danach, Bezirksamt, HMI, Siemens und die Deutsche Forschungsgemeinschaft als Eigentümerin zu gewinnen, den Umzug der Anlage in die Dreilindenschule zu unterstützen.

In unermüdlichen Einsätzen wurde durch Schüler, Lehrer und Eltern der ehemalige Fahrradkeller so hergerichtet, dass er eine elektronische Rechenanlage aufnehmen konnte. Der Transport des Rechners durfte nichts kosten - die Bereitschaftspolizei aus Lankwitz war bereit, mit schwerem Hebegerät" - ein 5-t-Kran musste eingesetzt werden, um die bis 2 m breiten und 1,7m hohen Schränke zu transportieren. Sie hatten so etwas schon einmal durchgemacht, als sie 1961, nach der Mauer, nach Berlin geflogen worden waren.

Dann begannen die noch viel mühevolleren Wiederinbetriebnahmearbeiten. Sie wurden in ungezählten Arbeitsstunden von einer Arbeitsgruppe von Technikern aus dem HMI geleistet, die noch in den 80er Jahren hin und wieder Reparaturen an der Anlage vornahmen.

Zur Einweihung am 26.5.1972 war die Anlage soweit in Ordnung, dass wir es wagen konnten, am Ort der Feier - dem Musiksaal - einen Blattschreiber aufzustellen, um die Funktionsfähigkeit zu demonstrieren - gewissermaßen eine erste DFÜ! Auf der Anlage lief ein Zeugnisdruckprogramm, das die einzutragenden Noten - ermittelt durch Würfeln! - in das Zeugnisformular einsetzte und ausdruckte. So kam das Abitur-Zeugnis" des damaligen Bezirksbürgermeisters heraus (s.o.). Diese Eröffnungsfeier blieb nicht ohne Resonanz, denn wenige Tage später fand sich in der Berliner Morgenpost der nebenstehende Artikel.

Die Arbeit, die von allen Beteiligten aufgewendet worden war, hatte sich gelohnt Die Zeit, die man der Anlage Funktionsfähigkeit vorausgesagt hatte, wurde weit übertroffen. Auch wenn die Technik längst weitergeschritten war die Abmessungen schrumpften fast täglich blieb sie bis 1982 in Betrieb. Dann hatten spendenfreudige Eltern für einen Ersatz gesorgt. Zwar war es wieder etwas Ausrangiertes, aber um den Faktor 10 schneller, da die S2002 eine Taktfrequenz von 200 kHz hatte.

Es dauerte aber dann nicht mehr lange, bis ein neuer Rechner beschafft werden konnte. Dennoch blieb es für die jeweilige AG, die sich immer wieder neu bildete, ein Hobby, im HMI ausrangierte Geräte vor der Verschrottung zu bewahren und so weit in ihre jeweilige Technik einzudringen, dass wir sie funktionsfähig halten konnten.

Werner Rodig