Dreilinden Gymnasium

Deutsch

Eigentlich müsste man als Deutschlehrer verzweifeln: Am Lesen schöngeistiger Literatur scheinen Schüler überhaupt nicht mehr interessiert zu sein; sie nehmen höchstens mal einen Ratgeber zur Computerbedienung zur Hand und können - so jedenfalls der öffentliche Eindruck - kaum mehr ihre berufliche Bewerbung fehlerfrei einreichen. Und was in Gottes Namen - könnte sich ein besonders verzweifelter Deutschlehrer fragen - hat unser Lektüreunterricht (Uraltreclamheftchen, von denen Staubwolken aufsteigen) mit dem Leben dieser heutigen Schülerinnen und Schüler zu tun?

In meiner Zuständigkeit für den Fachbereich Deutsch hatte ich in vielen Jahren Jahren Gelegenheit, einen Eindruck von der Arbeitsatmosphäre in unserem Haus zu gewinnen. Sie erscheint mir geprägt von Lehrerinnen und Lehrern, die literarische Texte abseits ausgetretener Pfade schätzen sowie Gespür dafür besitzen, dass Literatur junge Menschen durchaus noch erreichen kann. Wer nun allerdings vermutet, dies gelänge, indem man sich nur noch vorgeblich zeitgemäßen Themen zuwendet, der täuscht sich. Nichts durchschauen (und verabscheuen) Schüler mehr als Anbiederung. In meinem letzten viersemestrigen Literaturkurs, der durch alle Epochen führt, fanden zum einen die Liebesdichtungen des Mittelalters, zum anderen Georg Büchners radikales Vormärzdrama "Woyzeck" die stärkste Resonanz. Wirklich gute Literatur führt ja von jedem historischen Ort aus ins Herz der Menschen. Nichts schaden kann es dabei, wenn sich der Lehrer vom künstlerischen Sog erfassen lässt und Begeisterung an die Schüler weitergibt.

Die Individualität des Fachkollegiums zeigt sich deutlich in den Anschaffungswünschen, wenn es darum geht, unsere Bibliothek zu aktualisieren. Hier habe ich den Eindruck, die Kollegen möchten Literaturunterricht nicht nur als kanonische Pflichtübunq absolvieren, sondern Texte an die Schüler bringen, die sie eben mit Begeisterung vermitteln können. Wie Literatur auf Menschen wirkt, kann man zum Glück an gelungenen (oder misslungenen) Beispielen unterschiedlicher Herkunft zeigen. Wichtig ist vor allem, dass auf der Grundlage von echtem lebendigen Interesse zwischen den am Unterricht Beteiligten ein Funke überspringt und dadurch in einer Zeit, in der Lesen zum Hobby einer Randgruppe zu werden droht, unmittelbares Leseinteresse geweckt wird. Dies versuchen wir am Dreilinden-Gymnasium auch dadurch zu erreichen, dass wir interessierten Schüler/innen Gelegenheit geben, an unseren Literaturabenden in einer schönen Atmosphäre "Lieblingstexte" vor Publikum vorzutragen., Veranstaltungen, die sich herumgesprochen haben und mittlerweile einiger Beliebtheit erfreuen.

Selbstverständlich gibt es im Fach Deutsch handwerkliche Erfordernisse, die auch bei uns niemand vergisst. So erscheint es sinnvoll, bereits in den unteren Klassen daran zu denken, welche Fähigkeiten später von Schülern erwartet werden. (Wie gehe ich an die Erörterung einer Problemfrage heran? Wie an einen unbekannten Text? Wie stelle ich meine Anliegen einem späteren Arbeitgeber unmissverständlich dar?) Je sicherer man über bestimmte Arbeitsmethoden verfügt, desto größer ist für den Schüler der persönliche Gewinn im Umgang mit einem Thema. Solche allgemeineren Lernziele, zu denen natürlich auch der korrekte Gebrauch der deutschen Rechtschreibung zählt, sind uns allen "heilig" und bilden das feste Gerüst, auf dem wir jedes interessante Thema ohne Absturzgefahr behandeln können. All das hat sich auch nicht geändert, seit man diese wesentlichen Grundfertigkeiten in den aktuellen Lehrplänen als "Kompetenzen" bezeichnet.

Apropos deutsche Rechtschreibung: In meine Ära fiel die große Reform der Rechtschreibung (die erste seit Erfindung des Dudens). Sie ist hinlänglich und bis zum Überdruss mit Kommentaren bedacht worden. Diese ganze Debatte soll hier nicht wiederholt werden, aber eines bleibt festzustellen: Die neuen Regeln sind ausgesprochen schülerfreundlich. Fast könnte man meinen, sie seien entlang von Fehlern entwickelt worden, wie sie Schüler zuvor regelmäßig gemacht haben. Auch bieten sich nach der letzten Überarbeitung der Reform zahlreiche Wahlmöglichkeiten für den Sprachbenutzer, sodass in einigen Bereichen der Ortografie und Zeichensetzung die Fehlerquote der Schüler/innen eher gesunken ist. So wichtig aber der fehlerfreie Sprachgebrauch auch sein mag - er ist ja nicht unser einziges Ziel. Wir wünschen uns Schüler/innen, die Sprache unmissverständlich, variabel-zweckorientiert, aber auch fantasiereich und mit sinnlichem Vergnügen verwenden können, sei es privat, beruflich oder in einer hoffentlich erfolreichen Zentralabitur-Prüfung des Faches Deutsch.

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Frank Müllers Überlegungen zum Umgang mit sprachlichen Bildern im Deutschunterricht finden Sie auf der Homepage des Deutschen Germanistenverbandes unter dem Link www.fachverband-deutsch.de/unterrichtspraxis.html als pdf-Datei.