Dreilinden Gymnasium

Zusatzkurs „Praxis des Übersetzens“ – Was für ein grandioser Abschluss!

 

Übersetzen? Was ist das eigentlich? Etwas zu übersetzen, klingt im Grunde viel einfacher, als es tatsächlich ist. Es ist weit verbreitet zu denken, es würde genügen, einzelne Wortübersetzungen zu einem Fließtext aneinanderzureihen, aber diese Methode macht einen nicht automatisch zu einem Vorzeigeübersetzer. Damit, dass zu der Kunst des Übersetzens viel mehr als die Beherrschung zweier Sprachen gehört, haben wir uns in unserem Seminarkurs „Praxis des Übersetzens“ näher beschäftigt.

In diesem Schuljahr haben wir, die vier Teilnehmerinnen des Kurses, uns jeden Mittwochnachmittag von der siebten bis zur neunten Schulstunde im Literarischen Colloquium in der Nähe des S-Bahnhofes Wannsee zusammengesetzt und sind gemeinsam mit unterschiedlichen, bekannten Übersetzern der Sprache genauer auf den Grund gegangen. Nach einer kleinen Einführung in den Beruf als Übersetzer an sich haben wir uns anfangs mit dem Übersetzen vom Englischen ins Deutsche beschäftigt, später aber auch mit der Untertitelung von Filmen und Serien und der Übersetzung aus dem Spanischen, dem Arabischen und der Lyrikübersetzung. (Fotos 1 und 2)

Allerdings war der Höhepunkt unserer Seminarreihe zweifellos der Tag, an dem die Übersetzer des Buches „Stilübungen“ an unsere Schule kamen und uns die beiden Männer höchstpersönlich das Werk vorstellten. Das französische Original „Exercices de style“ von Raymond Queneau galt für lange Zeit als unübersetzbar, bis sich die beiden Herren Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel der Herausforderung annahmen, das Buch erneut zu übersetzen, da die erste deutsche Übersetzung bereits überholt war.

Besonders schwer galt das Buch zu übersetzen, da es sich dabei um ein sehr kreatives Werk handelt. Das Buch ist ein Beleg für das Kunststück, ein und dieselbe Episode in verschiedensten Varianten anhand unterschiedlicher Stilmittel zu präsentieren. Erzählt wird immer wieder dieselbe Geschichte, die anfangs sehr banal erscheint. Doch dadurch, dass sie jedes Mal basierend auf einem anderen Stilmittel dargestellt wird, führt es dazu, dass das Buch sehr abwechslungsreich und unterhaltsam ist, sowie lesenswert bleibt. In Frankreich wurde es in der Zeit der Veröffentlichung der ersten Stilübungen als nahezu skandalös, respektlos und übermütig angesehen, die Sprache auf so eine Art und Weise, wie Queneau es tat, zu beanspruchen und diese regelrecht auseinander zu nehmen und sich über bestimmte Regeln hinwegzusetzen, was eine befreiende Wirkung auf einen Teil der Bevölkerung ab 1943 hatte (vgl. auch das Nachwort zu der Buchausgabe).

Als die beiden Übersetzer schließlich an unsere Schule kamen, begann die Veranstaltung mit ein paar Übersetzungsübungen, wie wir Teilnehmerinnen sie bereits in ähnlichen Formen aus bisherigen Sitzungen kannten, anschließend gab es noch eine Vorlesung in der Aula und ein Interview mit den beiden. (Foto 3)

In der ersten Übung, die die Übersetzer mit uns durchführten, ging es um eine der ersten Stilübungen in dem Buch, nämlich „Gedoppelt“, in der, wie bereits am Titel zu erkennen ist, zwei Wörter mit ähnlichem Sinn benutzt werden, um eine Situation zu beschreiben.

Als gesamter Kurs haben wir damit begonnen, jeweils von einem der Wörter im französischen Original die deutsche Bedeutung zu erfassen und anschließend dafür passende Synonyme zu finden. Danach wandten wir uns dem zweiten französischen Wort zu, das den gleichbedeutenden Zustand beschrieb, um auch von diesem die genauere Bedeutung zu erfassen und mit denen, die wir genannt haben, zu vergleichen, um das passendste von ihnen herauszufiltern.

Zum Schluss der Übung kam es so, dass wir im Groben eine erste übersetzte Version eines Abschnitts aus der Stilübung fertig hatten.

Im Nachhinein würde ich behaupten, dass diese Übung sozusagen zum Aufwärmen diente, da sich die zweite als etwas komplizierter herausstellte, dadurch aber nicht weniger möglich erschien.

Dabei sollte es an uns liegen, in vier kleinen Gruppen je eine Hälfte der Stilübung „Injurieux“, die in der deutschen Fassung „Beleidigend“ heißt, zu übersetzen. Die einzige Hilfe, die uns dabei zur Verfügung stand, beschränkte sich auf eine kleine Vokabelliste, die die deutsche Bedeutung der Wörter auf der neutralen Stilebene angab, sowie zwei Fragen an die zwei Übersetzer. (Foto 4 und 5)

Die Schwierigkeit dieser Übung bestand darin, wie man dem Titel bereits ansieht, möglichst beleidigende Synonyme zu den neutralen Wörtern zu finden.

Letztendlich kamen dabei insgesamt zwei vollständige Versionen der Stilübung „Beleidigend“ zustande, sodass wir diese bei der Lesung in der Aula vortragen konnten. (Foto 6)

Während dieser Lesung waren zusätzlich zum Französisch GK, der bei den Übersetzungsübungen bereits dabei war, auch die Deutsch LKs aus Q2, sowie eine 10. Klasse anwesend.

Zwischen den einzelnen Stilübungen, die die beiden Übersetzer uns vorlasen, erzählten sie zu diesen noch Kleinigkeiten oder erklärten, was es mit bestimmten Dingen auf sich hatte.  Gespannt hörten wir alle ihnen zu, wie sie sich geschickt beim Lesen oder Erzählen abwechselten und die Sätze des jeweils anderen fortführten, ohne dass es unnatürlich oder eingespielt wirkte.

Abschließend waren wir vier noch einmal an der Reihe, um sie mit Fragen zu interviewen, die wir uns im Vorfeld überlegt haben. Unter anderem stellten wir Fragen wie, ob sie an manchen Stilübungen verzweifelt sind, welche eher schneller und einfacher zu übersetzen waren, wie sie übersetzen definieren würden, und noch viele mehr. Wie die meisten Übersetzer, mit denen wir im Verlaufe der Seminarreihe gearbeitet haben, waren auch sie der Meinung,  dass es beim Übersetzen darum geht, den charakteristischen Ton des Originals zu treffen und es nicht wörtlich wiederzugeben. Wir haben erfahren, dass sie an manchen der Stilübungen nur etwa  zehn Minuten arbeiten mussten, während sie mit anderen mehrere Stunden verbrachten, und dass dies nicht zwangsweise mit den Kategorien, in die man die Stilübungen sortieren kann, was sie im Nachwort erwähnt haben, zusammenhängt. Wir haben uns auch gefragt, warum sie eigentlich ein Nachwort verfasst haben, obwohl es in unseren Augen als eher ungewöhnlich erschien, was sie allerdings verneinten. (Foto 7)

Als größten Erfolg würden Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel die „Stilübungen“ zwar nicht bezeichnen, was allerdings gar nichts an der Tatsache ändert, dass sie ihren Beruf sehr gerne als Übersetzer ausüben.

Dadurch, dass die Übersetzer so hoch angesehen sind, waren wir vor der Veranstaltung umso nervöser, konnten sie dann aber als zwei sehr aufgeschlossene, zugewandte und umgängliche Menschen kennenlernen. Sie verfügten über eine mitreißende Authentizität und ihre offensichtliche Liebe zu ihrem Beruf empfanden wir als regelrecht bewundernswert. Zudem merkte man ihnen an, dass sie als gutes Team zusammenarbeiteten, in dessen Bindungen sie sich gegenseitig ergänzen konnten, und ihre Harmonie war verblüffend mitanzusehen. Auch haben sie es uns als Interviewern durch ihre offene Art leicht gemacht, mit ihnen zu reden. Unserer Meinung nach war es auch sehr klar erkennbar, dass die beiden wie dafür geschaffen sind, auf der Bühne zu stehen und etwas zu präsentieren, das eine Bedeutung für sie hat.

Wir hielten es für eine sehr besondere und einmalige Erfahrung, auf die wir ungern verzichten wollen würden, mit solchen Leuten zu interagieren, seien es auch nur ein paar Stunden, deren Beruf mit Voraussetzungen verbunden ist, mit denen wir uns im Verlaufe der Seminarreihe auseinandergesetzt haben.

Ein herzliches Dankeschön geht aber nicht nur an Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel für die tolle Veranstaltung, sondern an alle Übersetzerinnen und Übersetzer, mit denen wir arbeiten durften. Nicht zuletzt möchten wir Nina Thielicke vom Literarischen Colloquium danken, die die Kontakte hergestellt und uns jeden Mittwoch aufs Herzlichste in ihrem Hause begrüßt hat.

 

Jasmin und Sophie (Q2), 26.04.18