Dreilinden Gymnasium

Blinded Night

 

»Das kann doch wohl nicht wahr sein?! Du hast ihn gefragt, ob er mit mir gehen will?! Warum machst du so was?«, schrie Jisei ihre Freundin mit den grünblonden Haaren an. Sie war total sauer und knallrot geworden.

»Na, du hättest dich doch eh nie getraut ihn zu fragen! Also hab ich das Ganze in die Hand genommen! Dafür kannst du mich nun wirklich nicht in die Mangel nehmen.«

»Nein, okay. Und was hat er jetzt gesagt?«

»Och, eigentlich nichts weiter...«, druckste Mana herum. Wie immer, wenn sie es spannend machen wollte.

»Jetzt sag schon! Oder ich kipp dir den Apfelsaft über'n Kopf!«

Jisei meinte es ernst, das wusste Mana. Sie hatte ihr schon einmal Cola übers T- Shirt geschüttet, es war zum Glück Sommer, weil Mana ihr nicht erzählen wollte, wer aus der Klasse denn nun in sie verknallt gewesen war. Nach der Cola rückte sie natürlich sofort mit der Sprache raus.

»Na gut, wenn du's unbedingt wissen willst... Er meinte, du solltest später in deine Mappe schauen.«

Sofort vernahm Mana ein Kramen neben sich, Jisei hatte keine zwei Sekunden gebraucht um ihre gesamte Mappe auszuräumen. Jetzt lagen all ihre Schulbücher und -hefte über die Tischtennisplatte, auf der sie saßen, verstreut.

»Nichts.«, sagte Jisei enttäuscht und machte einen auf Trauermiene.

»Er sagte ja auch "nachher", hör doch mal zu, du rosarote Wolke!«

Während Mana dies sagte, umarmte sie ihre Freundin so lieb wie immer und zupfte ein wenig an ihrem Top herum, als es läutete.

»Komm, es klingelt zur Stunde! Wir sind wieder zu spät!«, stellte Mana fest und beide Mädchen rannten ins Schulgebäude und in ihre Klasse.

Die Lehrerin sagte nichts, als sie hereingestürzt kamen und setzten sich schweigend auf ihre Plätze.

Erst auf ihrem Platz betrachtete Mana ihre Freundin und den Jungen, den sie liebte. Er hatte schwarze Haare, war vom Sommer gebräunt und war groß. Er war zwar nicht der Hübscheste, was auch gut ist, denn hübsche Jungs sind oft schwul oder Machos, dennoch strahlte er irgendetwas aus, eine positive Aura sozusagen.

Sein Kleidungsstil glich dem der Visus:

Er hatte oft bunte oder schwarz lackierte Fingernägel, Färbungen in den Haaren und schrille Klamotten an. Wie es bei Visus nun einmal so ist, war er auch heute mit Kajal und Eyeliner geschminkt und trug hellblaue, farbige Kontaktlinsen, jedoch wussten alle in der Klasse, dass er eigentlich braune Augen hatte. Im Übrigen ist er ein Jahr älter als Jisei, stellte Mana fest.

Ihre Freundin hatte ebenfalls schwarze Haare, jedoch zurzeit mit roten Strähnchen darin, mit Schminke verdunkelte Augen und Lippen, schwarze Kleidung und Nietenarmbänder. Ihre Haut war vom Sommer sehr gebräunt und so hatte sie heute etwas weißes Make- Up aufgetragen, damit sie etwas blasser aussah.

Im Großen und Ganzen passten sie gut zusammen:

Ein Goth und ein Visu.

Ein plötzliches Gemurmel weckte Mana aus ihren Überlegungen. Sie hatten Mathe und eine solche Störung tauchte sonst nie auf. Auch die Lehrerin schien leicht irritiert und beunruhigt, als das Murmeln anhielt.

Endlich erfuhr Mana worum es ging, als ein kleines Zettelchen von rechts mit den Worten: »Weitergeben!«, auf ihrem Platz landete. Wie es schon viele Augen zuvor getan hatten, lasen die Manas jetzt auch schnell die Zeilen durch:

 

An Jisei:

Willst du mit mir gehen?

 

Ja [ ]      Nein [ ]

 

Schau mal in deiner Mappe nach!

 

Y Tsukasa

 

Mana gab den Zettel kurzerhand weiter. Ein paar neugierige Augenpaare später bekam endlich Jisei diese Frage von Tsukasa, ihrem Schwarm.

Man sah in Millisekunden wie sie rot anlief. Wohl vor Scham, Freude oder sonst was. Aus ihren Augenwinkeln sah Mana, wie Tsukasa Jisei beobachtete.

Sie strich eines ihre roten Haare hinters Ohr, nahm ihren Stift und kreuzte etwas an. Inzwischen stand die Lehrerin misstrauisch hinter ihr und las ebenfalls den Zettel mit der Antwort.

Sogleich schrie jemand in der Klasse: »Sie hat ja gesagt! Sie hat echt ja gesagt!«

Jetzt war Jisei noch röter, blickte zu Tsukasa hinüber und sah schnell wieder weg. Irgendwie war es ihr peinlich und so zog sie einen Umschlag aus ihrer Tasche. Mana war neben ihr aufgetaucht und umarmte ihre beste Freundin fröhlich.

»Meinen Glückwunsch, aber könnten wir jetzt vielleicht mit dem Unterricht fortfahren? Es erwarten uns heute noch ein paar Wahrscheinlichkeitsrechnungen.«, sprach die Lehrerin und löste so das allgemeine Gemurmel aus.

Der trockene Unterricht ging weiter und Jisei las unter dem Tisch den Brief von Tsukasa, den er in der letzten Pause geschrieben haben musste, nachdem Mana ihn gefragt hatte, ob er mit ihr gehen wollen würde.

 

Hallo Jisei,

ich weiß nicht so recht, was ich schreiben soll. Ich hab in der Pause gehört, du wärest in mich verliebt. Na ja... Und da schicke ich dir also jetzt den Brief.

Du hast ja einen Zettel bekommen und da was angekreuzt, bitte lies bei deiner Antwort weiter!

 

Ja: Yeah, wir sind zusammen! Ich liebe dich, weißt du? Schon seit einigen Monaten. Ich habe dich aber nie drauf angesprochen, weil es nie so schien, als würdest du dich für mich interessieren. Jetzt bin ich natürlich echt happy!

Komm mal in der Pause zu mir, bitte.

Nein: Okay, kann ich verstehen. Du hast dich ja eh nie für mich interessiert, wieso solltest du auch?! Ich lauf wie so'n Visu rum, hab die falschen Freunde und tu eigentlich immer nur so cool, obwohl ich das gar nicht bin, weshalb mir meine Coolness wohl auch so miserabel gelingt. Ich will nur noch kurz sagen: Ich liebe dich, ganz wirklich und ehrlich. Vielleicht überlegst du dir es ja irgendwann noch einmal...

Y Tsukasa

 

Mana passte kurz nicht auf und bekam zur Strafe etwas gegen den Kopf geworfen. Nein, es war ja gar nicht die Lehrerin, die sie wach geworfen hatte! Es war Jisei gewesen. Sie hatte ihr den Brief von Tsukasa an den Kopf geknallt. Auffälliger ging's natürlich jetzt echt nicht mehr, dachte Mana insgeheim und etwas säuerlich. Wenn das die Lehrein gesehen hätte, hat sie aber nicht, da sie zum Zeitpunkt des Wurfes mit dem Rücken zur Klasse gestanden hatte, dann hätte es ziemlichen Ärger gegeben, weil Mana sich hätte verletzten können. Und da hätte Jisei nicht die Ausrede geholfen, dass es nur ein Brief aus Papier und keiner aus Metall war.

Mana las den recht kurzen Brief durch und just in dem Moment klingelte es zur Pause. Alle stürmten zum Läuten hinaus, nur Jisei und Mana blieben.

Jisei musste noch schnell die Hausaufgaben von der Tafel abschreiben und Mana wartete aus sie.

Die Lehrerin scheuchte sie regelrecht aus dem Klassenzimmer und Mana erblickte schon vom Weiten, wer an der Tür stand und wartete. Nicht auf sie, aber auf ihre Freundin.

Mana verstand Tsukasas Blick und lief ohne zu zögern weiter, Jisei hielt an.

»Hast du den Brief gelesen?«, fragte er.

»Ja.«

Es herrschte eine bedrückende Stille. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und so umarmte sie ihn einfach.

Mana stand auf dem Schulhof und wartete auf ihre Freundin. Sie wünschte ihr viel Glück und drückte insgeheim beide Daumen.

Sie wusste, dass es Jiseis erster Freund war und hoffte, dass sie nicht so tollpatschig war und irgendetwas dummes anstellte, so dass sich beide gleich wieder trennen würden.

»Hey, lass uns zum Sportunterricht gehen!«, schrie Jisei Mana im Laufen zu. Sie kam zu ihr herüber gerannt und blickte sie, etwas schnaufend vom Rennen, freudestrahlend an.

»Naa?«

»Was naa?«

»Wie ist's gelaufen? Ich mein mit Tsukasa...«, fragte Mana ihre beste Freundin.

»Och, nichts weiter...«, meinte Jisei und ihre Augen funkelten verheißend.

»Warum bist du dann so vergnügt, wenn nichts war? Komm, rück mit der Sprache raus!«, drängte Mana. Sie wollte jetzt wissen, was zwischen den beiden geschehen war, nachdem sie sie allein gelassen hatte.

»Habt ihr euch geküsst?«, hakte Mana direkt nach.

»Nein, wo denkst du hin?!«, antwortete Jisei und lief instinktiv leicht rot an.

»Also doch, war ja klar!«

Mana grinste zufrieden und tätschelte Jiseis Schulter.

»Aaah, es hat ja schon geklingelt! Zum Glück haben wir Sport, da ziehen sich eh noch alle'ne Weile um. Na komm schon!«

Die beiden Mädchen sprinteten zur Turnhalle, zogen sich blitzartig um und waren nicht später fertig als ihre Klassenkameradinnen.

Sie kamen aus der Umkleide und sahen schon die Jungs, wie sie ein paar Runden liefen um sich aufzuwärmen.

Auf wem Jiseis Blick lag, wusste Mana ohne groß nachzudenken. Eine große Auswahl gab es ja nicht. Muss Liebe schön sein, dachte sie und sah die kleinen rosa Flecken auf Jiseis Gesicht, während diese Tsukasa beim Laufen zu sah.

 

»Du? Ich versteh die Aufgabe nicht.«, sagte Jisei zu Tsukasa. Sie waren bei ihr zuhause und machten Hausaufgaben.

»Sieh mal, das ist doch gar nicht so schwer. Immerhin wird hier doch eh nur geschätzt, unser Thema in Mathe heißt ja nicht umsonst "Wahrscheinlichkeitsrechnungen". Also rundest du das hier einfach nur und schreibst das auf.«

»Und was schreib ich als Antwort?«, fragte Jisei ihren Freund, der neben ihr saß.

»Dass du mich liebst.«, flüsterte er und gab ihr einen Kuss.

»Aber das kann ich doch nicht schreiben!«, reagierte Jisei mit einem etwas sarkastischen Unterton, der spaßig gemeint war und Tsukasa antwortete: »Na gut, dann schreib, dass ich dich so abgelenkt habe und du die Aufgaben leider nicht machen konntest.«

Jisei blickte nur in seine braunen Augen, die Kontaktlinsen hatte er herausgenommen, und schon war sie wie verzaubert.

»Willst du ein Eis? Ich mach uns welches.«

»Okay, danke.«

Das schwarzhaarige Mädchen mit den roten Strähnen stand auf und ging in die Küche um das Eis zuzubereiten.

»Ich schreib für dich den Antwortsatz, okay?«, kam es aus Jiseis Zimmer.

»Echt? Danke! Stünd' ich jetzt neben dir, würd' ich dich mal so richtig durchknuddeln!«, lachte Jisei und sprühte ein Schlagsahnenherz auf Tsukasas Eis.

Dieser tauchte in der Küche auf, half Jisei beim Tragen des Eises und schlug dann vor: »Lass uns doch schwimmen gehen! Es ist super Wetter und nicht zu kalt!«

 

»Du warst mit ihm im See schwimmen?«

»Ja und er hat mich sogar eingecremt!«

»Ihr seid ja so süß, weißt du das eigentlich?«, erwiderte Mana und freute sich, dass Jisei glücklich war.

»Na ja...«

»Jetzt tu nicht so, du findest ihn doch eh schon ewig süß und jetzt seid ihr zusammen. Hätt' ich ehrlich gesagt gar nicht gedacht. Na ja, gut, dass ich gefragt hab, ne?«

»Ja, danke! Lass' Wochenende mal zu dritt ins Kino. Ich trau mich da noch nicht allein mit ihm hin... Vielleicht macht er ja irgendwelche krummen Dinger?«, zweifelte Jisei.

»Du bist mir ja eine! Aber allein mit ihm schwimmen gehen!«, sagte Mana lachend.

»Das ist was anderes. Da waren ja noch so viele andere Leute, da wär's ihm bestimmt peinlich gewesen. Aber im Kino ist es dunkel, da fassen Jungs bekanntlich Mut!«

»Okay okay, du hast ja Recht! Also am Sonntag um... drei. Da kommt glaub irgend so"ne Liebesschnulze. Bis dann!«

»Tschüss!«

Mana legte den Hörer auf.

Sie freute sich, dass Jisei noch mit ihr ins Kino gehen wollte. Sie hatte schon Angst gehabt, das Paar würde sie ausschließen oder so. Natürlich konnte sie nicht erwarten, dass sie immer dabei war (vor allem nicht bei bestimmten Dingen...), aber sie war trotzdem erleichtert.

Gut gelaunt machte sich Mana an ihre Hausaufgaben, die sie bisher noch nicht hatte machen wollen.

 

Wie geht es weiter? Demnächst mehr!